Erna Weber & Maria Pia Geppert: zwei Pionierinnen auf dem Gebiet der Biomathematik

Sabine Brühne
Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung, Bergische Universität Wuppertal
Ort des Vortrages: 
R1
Uhrzeit: 
10.00 Uhr
Datum: 
16. Juni 2008

Maria Pia Geppert und Erna Weber gehörten zu den ersten Frauen im damaligen Deutschen Reich und in den Nachfolgestaaten in Ost und West, denen eine wissenschaftliche Karriere in der Mathematik (Statistik) gelang. Beide Frauen arbeiteten auf dem Gebiet der Biometrie und begannen ihre wissenschaftliche Laufbahn in den 1930er Jahren. Erna Weber arbeitete in Institutionen, die während des Nationalsozialismus auf "Rassen"forschung ausgerichtet waren (Kaiser Wilhelm Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWIA), Thüringisches Landesamt für Rassewesen in Jena, Lehrauftrag für Biologische Statistik am auf rassenhygienische und rassenkundliche Forschung orientierten Universitätsinstitut für menschliche Erblehre in Jena) und arbeitete darüber hinaus mit einem exponierten "Rassen"theoretiker im NS, Karl Astel, zusammen.

Maria Pia Gepperts primäre Wirkungsstätte bis 1964, das 1931 gegründete Kerckhoff Institut in Bad Nauheim, war auf die Erforschung, Diagnostik und Therapie von Herz und Kreislauferkrankungen ausgerichtet, ihr Beitrag zur NS Erbforschung beschränkt sich vermutlich auf das Korrekturlesen eines einschlägigen Buches zur "Erbmathematik", das ihr Bruder, Harald Geppert, gemeinsam mit ihrem Vorgänger als Leiter der Statistischen Abteilung des Kerckhoff Institutes, Siegfried Koller, verfasst hat.

Nach 1945 setzten sie ihre Karriere (fast) nahtlos fort, Erna Weber in der DDR, Maria Pia Geppert in der BRD. Sie waren in beiden deutschen Staaten durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten und ihre Lehrtätigkeit an der Entwicklung und Etablierung der Biometrie als wissenschaftliche Disziplin an den Universitäten und anderen Institutionen und am (Mit)Aufbau der Deutschen Region der Internationalen Biometrischen Gesellschaft und der (Mit)Begründung und Herausgabe der Biometrischen Zeitschrift beteiligt. Beide vermittelten die Notwendigkeit, statistische Methoden in die Forschung verschiedener Gebiete wie Medizin, Biologie, Agronomie usw. mit einzubeziehen. Dass Forschung nicht nur in der Biometrie immer an den jeweiligen gesellschaftspolitischen Kontext und die Vorgaben der Auftraggeber gebunden ist, zeigt auch die wissenschaftliche Integration Maria Pia Gepperts und insbesondere Erna Webers in unterschiedliche politische Systeme nach 1945.

Der Vortrag gibt einen Überblick über die biographischen Daten Maria Pia Gepperts und Erna Webers sowie ihr wissenschaftliches und wissenschaftsorganisatorisches Wirken.